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Legal Tech - Fluch oder Segen?

  • von Philip Brozé
  • 23 Mai, 2019

Die Fakten der Euphorie

 

„Die Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen voran“ – so beginnt eine kleine Anfrage an die Bundesregierung Ende 2018 (BT-Drs. 19/6429 ). Diese Aussage anhand von Zahlen und Fakten erläutert. Das Jobportal „Joblift“ gab 2018 eine Untersuchung zur Entwicklung des Stellenmarktes der deutschen Technology Branche bekannt. In den Geschäftsjahren 2017 und 2018 hat die Branche 53 000 neue Jobangebote ausgeschrieben. Branchenübergreifend ist das ein Wachstum von 50 %. Im Vergleich aller Top Technologiebranchen wuchs dabei LegalTech mit 150 % am stärksten. Nach Ansicht der Bundesrechtsanwaltskammer ist die Entwicklung und der Einsatz von Legal Tech „grundsätzlich positiv, zukunftsorientiert und als Chance für die Anwaltschaft zu betrachten.“

Bei der aktuellen Gesamtbetrachtung möge man meinen, dass der digitale Transformationsprozess im Rechtsbereich einer Lawine ähnelt, die sich in Bewegung gesetzt hat und mit großer Geschwindigkeit entgegen aller Barrieren unkontrolliert rasant fortschreitet. Doch ist es nicht so, dass jede Entwicklung auch eine verbundene Veränderung mit sich bringt- mit neuen Herausforderungen und Rahmenbedingungen, die gesetzt werden müssen?

 


Der nüchterne Blick auf die Herausforderungen

 

Legal Tech hat nicht nur die Debatten angesteckt, sondern auch die Rechtsanwendung selbst. Trotzdem wehrt sich immer noch vereinzelt Widerspruch gegenüber dieser Entwicklung. Das Problem dabei ist, dass selbst die Kritiker sich über den Wandel bewusst sind, jedoch nicht konstruktiv ansetzen. Dies könnte dafür sorgen, dass eine Entwicklung, die bereits durch die Tür ist, an uns vorbeiläuft. Verschiedenste Unternehmen beginnen bereits Rechtsabteilungen zu „in-sourcen“. Großkanzleien konzipieren interne Kompetenzbereiche, um digitale Produkte für Ihren Zweck zu entwickeln. Was ist jedoch mit den kleineren Sozitäten, die nicht große Investitionen tätigen können? Werden Sie in Folge dessen abgehängt?
Nach einem Forschungsergebnis von Osborne und Frey aus dem Jahr 2013 sollen in den kommenden 15 Jahren ca. 50 % der Arbeitsplätze in den USA auf Grund der digitalen Transformation wegfallen. Nahezu unterstützend zu dem Ergebnis veröffentlichte Jeremy Bowles für den europäischen und deutschen Arbeitsmarkt 2014 eine Studie, laut deren Prognose ca. jeder zweite Arbeitsplatz wegfallen würde. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsförderung hat 2015 eine Untersuchung veröffentlicht, welche die vorgebrachten Ergebnisse der Studie von Osborne und Frey relativieren. Hierzu unterstützend die Aussage des Instituts der deutschen Wirtschaft, die keine Signifikanz für einen massiven Beschäftigungsabbau erkennen kann.
Nach einer Befragung des IW gaben die von der Digitalisierung stärksten betroffenen Unternehmen sogar an, dass sie Personal aufbauen.

Der Bertelsmann Stiftung geht es zusammenfassend primär darum, „den neuen Anforderungen des digitalen Wandels zu begegnen." Somit ist klar, dass dieser Wandel eine Umstrukturierung des Berufsfeldes zur Folge hat. Das Legal Tech auch eine „Chance im Umbruch“ für kleinere Sozietäten bedeuten kann, zeigt das Beispiel einer Kanzlei aus Passau.

Diese hat den ersten deutschen „Chatbot“ für die Rechtsdienstleitung entwickelt. Es wird deutlich, dass das „klassische Kanzleien Bild“ von heute nicht zukunftsorientiert ist. Ein homologes Berufsfeld wird sich öffnen müssen, um interdisziplinärer zusammenarbeiten zu können. Ganz besonders die Fachkräfte aus dem IT -Sektor erfreuen sich einer starken Nachfrage.

Das Stärken der Verbraucherrechte durch digitale Rechtsdienstleistungen kann den Juristinnen und Juristen nur dann positiv dienen, wenn diese Entwicklung durch Sie begleitet und Sie daran mitarbeiten.

 


Es fehlen ethische und rechtspolitische Rahmenbedingungen 

 

Dabei liegt es aber auch an uns, Rahmenbedingungen zu schaffen, um ungeklärte ethische Grundsätze zu beantworten. Wer setzt den „state of the art“ für die Rechtsanwendungsprodukte? Welche Bereiche können erreicht werden und wie genau? Sollte die Justiz ebenso auf die KI zurückgreifen können? Ganz besonders die letzte Frage hat in der Vergangenheit für Schlagzeilen gesorgt. Die journalistische Non-Profit-Organisation ProRepublica fand bei einer Untersuchung heraus, dass Algorithmen, die in den USA eingesetzt werden, um die Rückfallgefahr von Straftätern zu berechnen, systematisch Afroamerikaner benachteiligen.
Fraglich bleibt, ob das vorhandene kriminologische, psychologische oder soziologische Wissen zur Bewertung den gleichen Output mit einer künstlichen Intelligenz erzeugt, der auch in der analogen Welt vertreten werden würde. Nach einem Beschluss bei der Konferenz der Justizministerinnen und Justizminister der Länder im Herbst 2017 ist eine Länderarbeitsgruppe „Legal Tech“ eingerichtet worden.
Die Entwicklung ist mit Spannung zu verfolgen.



Fazit: Nicht stolpern auf dem Weg in die Zukunft

 

Es ist also an der Zeit, fachübergreifend LegalTech holistisch zu betrachten. Eine konstruktive, aber auch intensive kritische Debatte ist notwendig. Eine zukunftsweisende Idee kann nur so stark sein, wie die größte Kritik. Jedoch sollte die Angst vor dem Ungewissen uns nicht daran hindern, an den Herausforderungen zu arbeiten.


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