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Der Weltraum, unendliche Weiten…

  • von Tobias Stephan
  • 11 Juni, 2019

Legal Chat Bots in der Discussion beim 1. Stammtisch

Wir schreiben den 27.05.2019. Dies sind die Abenteuer des ersten TLT Stammtisches, der mit seiner ca. 20 Personen starken Besatzung den Abend über unterwegs ist, um neue Ideen, neue Perspektiven und neue Technologien zu erforschen. Nur wenige Gehminuten von der Universität entfernt, dringen die Teilnehmer in Galaxien vor, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat.

Okay, der letzte Satz ist doch etwas dick aufgetragen, aber er gehört nun einmal zu meiner Anspielung dazu. Aber tatsächlich haben wir an diesem Abend, neben der Information über uns und unsere Initiative, eine kleine Diskussion über eine Idee aus dem Bereich Legal Tech angeregt, deren Ergebnisse ich nun versuche wiederzugeben. Dabei sei bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ganze Pracht einer solchen Diskussionsrunde sich natürlich nur live zeigt, womit ich gleichzeitig eine herzliche Einladung zu unseren Folgeveranstaltungen aussprechen möchte.

 

Um was sollte es nun aber gehen?

Zunächst einmal um eine Idee, wie Legal Tech den juristischen Alltag von morgen mitgestalten kann: „Legal Chat-Bots“. Dies bedeutet, dass ein jeder Rechtssuchender online einem Chat-Bot seine juristischen Probleme schildern kann. Daraufhin erkennt die Software zunächst einmal ganz grob, um was für eine Art von Problem es sich handelt. Auf Basis dessen kann dann weiter eingegrenzt werden. Probleme, die standardisierbar sind, können dann von einer Legal-Tech Software, also entweder dem „Chat-Bot“ selbst, oder einer App, an die dieser weiterleitet, gelöst werden. Wenn das Problem komplexer wird oder der Mandant eine anwaltliche Beratung wünscht, erfolgt eine Verweisung an einen auf das Problem spezialisierten Anwalt, der sich anhand der von der Software bereits herausgefundenen Informationen auch direkt ein erstes Bild machen kann.

Bereits heute kann man Vorstufen dieser Idee im Netz finden. Diese sind allerdings noch sehr beschränkt, denn der Nutzer hat lediglich die Wahl zwischen einigen vorgefertigten Antwortmöglichkeiten, die auch nur wenige Rechtsgebiete abdecken.

So, nachdem nun also klar ist, um was es geht, kann die Diskussion beginnen.

 

(Spoiler Alert: Es ging durchaus auch um generelle Fragen zum Thema Legal Tech, wie wir sie in unserer Blogreihe zu „Legal Tech als Gefahr“ bereits teilweise angesprochen haben)

 

Die erste Frage die sich bei dieser Idee, wie bei allen anderen auch, stellt, ist, ob sie überhaupt Sinn macht, beziehungsweise wie so ein „Legal Chat-Bot“ ausgestaltet sein müsste, um möglichst sinnvoll zu arbeiten.

Wie dies bei Entwicklungen im Bereich Legal Tech häufig der Fall ist, kam schnell die Frage auf, ob die Umsetzung dieser Idee nicht eine Gefahr für den Anwaltsberuf darstellen kann. Wenn Sie so funktioniert, wie soeben vorgestellt, fiele ja immerhin dem Anwalt die (bezahlte) Erstberatung weg. Langfristig wird es wohl Rechtsbereiche geben, die, etwa aufgrund ihrer klaren Vorhersehbarkeit, gänzlich oder zumindest zu einem großen Teil von einer Software übernommen werden können. Das würde dazu führen, dass sich ein Teil der Anwälte ein anderes Tätigkeitsgebiet suchen müsste. Dies ist zunächst einmal eine Entwicklung, wie sie in der Menschheitsgeschichte immer wieder vorkommt und mit jeder neuen Technologie zusammenhängt. Als zukünftig möglicherweise Betroffene können wir aber gut verstehen, dass jenes für den einzelnen eine Belastung darstellen kann und wird. Aber gerade auch deswegen ist uns eine Aufklärung und ein ethischer Diskurs im Bereich Legal Tech so wichtig. Wir stehen nun am Anfang der Entwicklung und sind noch in der Lage, diese zumindest in Teilen mitzubestimmen, wenn wir den Moment nicht verschlafen.

Jedenfalls fordert die technische Entwicklung eine Fortbildung auch in diesem Bereich. Dies bedeutet eine Mehrbelastung, kann aber durchaus auch interessant sein, wie wir mit unserer Initiative zeigen wollen.

Andererseits kann durch die Verwendung von „Legal Chat-Bots“ Zeit, die normalerweise für eine Erstberatung genutzt würde, von den Juristen anderweitig verwendet werden und daher mehr faktisch juristisch gearbeitet werden. Auch muss die Benutzung der „Legal Chat Bots“ nicht notwendigerweise kostenlos sein. Da auch eine Erstberatung bei einem Anwalt schon teuer sein kann, besteht durchaus die Möglichkeit, billiger zu leisten, aber dennoch damit zu verdienen. Es existiert eine Meinung, die davon ausgeht, dass mit der zunehmenden technischen Entwicklung das heute präferierte Geschäftsmodell vieler Kanzleien, auf der Basis von Stundensätzen tätig zu werden, immer weniger lohnt, denn gerade die zeitintensiven, aber inhaltlich nur beschränkt anspruchsvollen Arbeiten werden eben die sein, die “wegdigitalisiert” werden. Daher müssen sich die Juristen von morgen nach neuen Modellen umsehen, um weiterhin gut zu verdienen. Dies ist jedoch eine Thematik, die an anderer Stelle beleuchtet werden soll.

 

 

(Technische) Umsetzung

Darüber hinaus kamen wir immer wieder auf die technische Umsetzung zu sprechen. Das Problem hierbei ist, dass die meisten Rechtssuchenden ja gerade selbst nicht über eine entsprechende Vorbildung verfügen und daher viele der eingegebenen Informationen schlichtweg irrelevant sind, wohingegen wichtige Informationen unter Umständen fehlen. Die meisten Rechtsprobleme sind nach wie vor sehr vom Einzelfall abhängig. Der menschliche Anwalt verfügt über einen gewissen Menschenverstand und kann gezielt an einigen Punkten nochmals nachhaken. Darüber hinaus ist er in der Lage, den Mandanten auch emotional zu unterstützen, was doch in einigen Fällen ebenfalls einen wichtigen Teil der Arbeit ausmachen wird.

Dem Problem der „Überinformation“ könnte durch eine Ausgestaltung, in der nicht freier Text eingegeben wird, sondern vordefinierte Antworten angeklickt werden können, eventuell zu einem Teil entgegengewirkt werden. Allerdings lesen nicht alle die Antworten so genau, dass sie immer richtig liegen. (Gerade wir Juristen tendieren auch gerne dazu, eher unverständlich zu formulieren). Insbesondere Minderheiten und weniger gebildete Menschen könnten damit an der Durchsetzung ihrer Rechte gehindert werden, was jedoch dem (Mit)Ziel von Legal Tech, einen möglichst breiten, einfachen und schnellen Zugang zum Recht zu schaffen, widerspräche.

Schnell bestand Konsens darüber, dass momentan eine umfassende „Legal Chat-Bot“-KI, die in der Lage ist, ihrem Namen entsprechend relevante von unwichtigen Informationen zu trennen und daraus Schlüsse zu ziehen oder sogar Lösungen anzubieten, technisch nicht umsetzbar ist. Am Ende ist die technische Entwicklung in der Zukunft aber nicht absehbar, sodass sich diese Probleme unter Umständen irgendwann von selbst lösen.

 

 

Vorteile

Gegen Ende der Diskussion wurde (Bezug nehmend auf die am Anfang aufgeworfene Frage) nochmals zum Thema zurückgekommen, was denn genau die Vorteile eines solchen Chat-Bot im Vergleich zu beispielsweise schon bestehenden juristischen Foren sind. Dort stehen dem Fragenden immerhin Juristen aus Fleisch und Blut zur Seite.

Vorteile sind hier die Geschwindigkeit des Rechtsschutzes, durch die verbesserte Zugänglichkeit eine Erhöhung des Verbraucherschutzes sowie die geringeren Kosten im Vergleich zu einer Erstberatung bei einem Anwalt. Diese könnte zwar auch durch z.B. Foren eingespart werden, allerdings ist dies dann keine offizielle Rechtsberatung und oft ist auch nicht sicher, welche tatsächliche Qualifikation bei den Antworten gegeben ist.

Auch für Rechtsschutzversicherungen könnte das Modell Vorteile bringen, da hierdurch schnell Versicherungsfälle auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden können.

 

Offene Fragen

Offen blieben die Fragen, wie die Entwicklung ausgestaltet sein wird, beziehungsweise von wem Sie vorangetrieben werden sollte. Eine kostenfreie Open-Source-Variante ist wohl wegen der dahinterstehenden wirtschaftlichen Interessen nicht umsetzbar. Einzelne Programmierungen von den Marktteilnehmern könnten aber die Qualität sinken lassen und zu einer ungerechten Verteilung führen. Es ist auch die Frage, ob sich eher ein zentralistischer Ansatz, also ein oder wenige Anbieter, über welche die Software läuft und eine Verweisung an die Anwälte erfolgt (ähnlich wie dies z.B. bei Suchmaschinen der Fall ist), oder eine gestreutere Vorgehensweise, etwa jeweils auf der Onlinepräsenz der einzelnen Kanzleien oder als vorgeschalteter Mechanismus bei der Rechtsschutzversicherung, durchsetzen wird.

Auch wurde die Frage aufgeworfen, was passiert, wenn sich die Rechtsprechung durch eine (wegweisende) Entscheidung grundlegend ändert? Der Algorithmus lernt mit einer Vielzahl von Anwendungsfällen, daraus wird sein „neuronales Netzwerk“ gebildet. Verändert nun aber ein Anwendungsfall das Ergebnis, müssten alle Verknüpfungen, die noch auf der alten Rechtsprechung basieren, gelöscht werden. Dies könnte unter Umständen den gesamten Algorithmus unbrauchbar werden lassen.

Aus einer legislativen Perspektive wird zu klären sein, wie die Qualitätsanforderungen an die Anbieter sind und wen eine Haftung trifft, wenn diese nicht eingehalten werden.

 

Fazit:

Wie die vorliegende Diskussion zeigt, stellen sich bei einer jeden Entwicklung im Bereich Legal Tech eine Vielzahl an Fragen und Problemen, zu denen es jeweils verschiedene Sichtweisen geben kann. Hierbei geht es nicht nur um juristische, sondern auch um technische, wirtschaftliche, ethische und soziale Fragen. Um die Beantwortung dieser Fragen nicht dem Zufall oder einigen wenigen Marktteilnehmern zu überlassen, ist es daher wichtig, sich immer wieder interdisziplinär mit verschiedenen Fragen der Digitalisierung auseinanderzusetzen und einen gewissen gesellschaftlichen Konsens zu erreichen. Wie die Antworten letzten Endes auch ausfallen werden, wir sind gespannt auf das, was kommt und wollen unseren Teil dazu beitragen, die Entwicklung mitzugestalten.


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